Party und Alltag
Schon mein ganzes Leben sehe ich weniger als meine Mitmenschen. Aber ich verzichte deshalb auf nichts! Und das sollte auch sonst keiner, dem es genauso geht wie mir. Deshalb teile ich gerne hier meine Tipps, Tricks und Mogeleien:
Sich führen lassen
Das ist manchmal leichter gesagt als getan – sowohl für den Geführten als auch den Führenden. Der Geführte muss erstmal akzeptieren, dass er Hilfe braucht und jemanden darum bitten. Grad für Jungs fürchte ich, ist das am schwierigsten. Aber es muss sein! Ihr könnt nicht für immer auf abendliche Spaziergänge, Clubbesuche oder Kneipentouren verzichten! Dabei aber Leute anzurempeln, ihre Getränke zu verschütten oder der Länge nach auf der Tanzfläche zu landen ist keine Option. Ich habe herausgefunden, dass es sehr unauffällige Methoden gibt sich durch das Nachtleben zu mogeln, ohne ständige Missgeschicke! Und für die Damenwelt besonders – geführt werden kann auch wirklich sehr romantisch sein.
So, wenn ihr das also akzeptiert habt, dann muss euch klar werden, was ihr wollt und das dann kommunizieren. Es bringt euch zum Beispiel herzlich wenig, wenn der Betreffende „Vorsicht“ sagt. Gefahr?! Eine andere Person oder ein Auto? Ein Hindernis? Von oben, unten oder seitlich? Das muss man auf kurze Befehle reduzieren. Entweder verbal – wenn die Umgebung nicht allzu laut ist oder non verbal, wenn es zu laut ist, Du Usher hast oder Dir solche Befehle unangenehm sind oder du gerade durch eine dämmrige Kirche läufst und die Gläubigen nicht stören möchtest, Du mit Deiner Führung euer Gespräch nicht unterbrechen möchtet… es gibt sehr viele Gründe, warum non verbal sehr praktisch ist. Aber das erfordert viel Übung und beidseitiges Einfühlungsvermögen.
Funfact: Meine Sandkastenfreundin und ich haben das als siebenjährige schon hingekriegt. Wir konnten sogar rennen und uns vor Angreifern beim nächtlichen Räuber und Gendarmspielen in Sicherheit bringen. Als wir älter wurden haben wir uns damit das Partyleben erschlossen und so blieben auch mir unheimlich viel schlechte Musik und schlimme Kater nicht erspart und ich bin ihr unendlich dankbar dafür.
Verbal (Unbedingte Voraussetzung für Nonverbal!)
Wenn Dein Ziel Non verbal ist, dann solltet ihr das erst verbal üben und gleichzeitig euer Händedrucksystem darauf anwenden. Dann seid ihr doppelt abgesichert. Falls das wegen Gehörlosigkeit nicht geht, solltet ihr es zunächst auf bekanntem Terrain üben.
Wichtig ist, dass die Befehle kurz und eindeutig sind. Stopp, links, rechts, Stufe runter/ rauf, gerade, Kopf (runter. Es gibt nur diese Richtung) und so weiter. Auf gar keinen Fall „Vorsicht“. Streiche dieses Wort aus dem Vokabular des Führenden! Ein absolut sinnloser Begriff. Für den Lerneffekt – bleib ruckartig stehen und schau gespielt panisch… das geht dann schnell vorbei. (Fürs Ego – Du verlangst nichts Unmögliches und diese Art von Hilfe bedeutet keinen großen Aufwand. Du bist nicht undankbar, wenn Du kommunizierst, was Du brauchst. Das Wort „Vorsicht“ ist nur Verschwendung. Das darfst Du kritisierend äußern!!)
„Vorsicht“ zeigt nicht an, vor was man sich in Acht nehmen soll. Droht die Gefahr von vorne, hinten, oben, unten, seitlich?! Ein Auto, ein Einhorn, eine Bananenschale oder Ufo? Stattdessen „Stopp“ oder „renn um Dein Leben“ zu sagen ist effektiver: ein eindeutiger Befehl.
Non verbal
Damit meine ich ein Händedrucksystem. Einmal feste drücken heißt „stopp“. Nach links und rechts drehen zeigt die Laufrichtung an. Dabei ist wichtig, dass man so lange dreht, bis der richtige Winkel der Kurve erreicht ist. Wenn der Weg nur eine kleine Biegung macht, dann ist der Grad schneller erreicht als bei einer Haarnadelkurve. Die Hand leicht hochdrücken bedeutet Stufe nach oben und nach unten Stufe nach unten. Wenn es mehrere sind zweimal kurz hintereinander und wenn es dann wieder gerade wird, die Hand nach vorne drücken. Die Hand ruckartig nach unten drücken bedeutet Kopf einziehen bzw. Bücken. Und ruckartig nach oben heißt Hindernis vor uns mitten im Weg zum Drübersteigen.
So weit die Theorie. Aber wendet das nicht erst in einem miesen Viertel ohne Fluchtmöglichkeiten an, sondern übt es vorher und geht dann möglichst trotzdem nicht durch miese Viertel.
Nach Gehör
Wenn Händchenhalten so gar nicht geht, reicht es, bei jemandem eingeweihten auf die Fersen zu achten. Man hört, wenn jemand eine Stufe betritt, einen langen Schritt macht oder in die Knie geht, bzw. stehen bleibt und macht es nach. Aber sagt es demjenigen lieber vorher, damit er es extra deutlich machen kann und euch nicht vergisst… Ach – und greift nach seiner Schulter, bevor ihr umfallt! Das erfordert noch sehr viel mehr Übung, macht aber am meisten Spaß, finde ich. Auf diese Weise habe ich mich sogar schon bei Nacht im Gebirge fortbewegt… das war so zwar nicht geplant hat aber wirklich gut funktioniert! Und – damit der Selbstbeweihräucherung nicht genug – ich kann es auch mit meiner Katze als Führung! Sie läuft umher und sucht nach Mäusen oder genießt es einfach mit mir spazieren zu gehen und ich hinter ihr her. Zugegeben, das ist schrullig aber macht einfach Spaß! Wenn ich sie rufe, miaut sie. Irgendwie hat sie nämlich verstanden, dass ich nichts sehe im Dunkeln und weiß, auf sich aufmerksam zu machen.
Sich zurecht finden
... beim Laufen
Zunächst wider aller Vernunft – möglichst dünne, flache Schuhe und kleine flache Schritte. Kein Storchengang! Der Grund ist, dass man so besser mit dem gesamten Fuß tasten kann. Eine Stufe kommt weniger überraschend und die Ausmaße eines Hindernisses sind besser abschätzbar. Man latscht nicht hinein. Es hilft, die Arme frei zu haben und wenn es nicht gar zu peinlich ist nach vorne zu strecken. Unauffällig seitlich finde ich aber vollkommen ausreichend, denn ehrlich gesagt, wie ein Schlafwandler durch die Gegend zu laufen muss ich nicht haben.
Grundsätzlich: So lange man noch etwas sieht ist es enorm wichtig, Marker zu setzen. Egal wo ich hinkomme – das geschieht inzwischen unbewusst – merke ich mir bestimmte Dinge. Dazu gehört vor allem die Beschaffenheit des Untergrundes. (Wiese, Kies, Schotter, Matsch, Sand, Bordstein (höhe), Teer, Pflaster, und so weiter). Das ist etwas Beständiges. Geräusche und Gerüche irritieren eher, denn sie sind oft nachts anders als tags, bzw. ändern sich viel zu oft.
Daran kann man dann ein Orientierungsnetz aufbauen. Ah – hier ist der Bordstein so und so hoch aber, da wo ich hin will ist er abgesenkt, also laufe ich noch ein paar Meter. Ui – hier wird es plötzlich matschig, der Weg muss eine Kurve machen. Dann bin ich also fast am Ziel. Das ist kein großer Aufwand aber extrem hilfreich. Mein Speicher dafür hat enorme Ausmaße und ich kann mich noch Jahre später daran erinnern. Aber beigebracht hat mir das niemand. Und ich will diese Technik auf keinen Fall als das Non plus Ultra verkaufen – es ist ganz alleine meine Art mich zu orientieren.
Es gibt anscheinend in manchen Städten auch extra angelegte Blindenleitsysteme. Damit habe ich mich allerdings noch nie beschäftigt. Sollte es vielleicht mal… aber – Achtung Selbstbetrug – ich sehe ja zumindest tagsüber noch ziemlich gut!
... beim Essen
Im Dunkeln essen ist nicht so schwer. Nur nervig. Man sollte für den Anfang eine große Serviette zum Schutz der Kleidung anlegen. Eine Suppe ist natürlich einfacher als ein Hauptgericht mit Beilagen. Wenn man am Grund der Suppe angelangt ist kann man noch eine Weile mit dem Löffel kratzen aber dann ohne Scheu seinen Nachbarn fragen, ob der Teller wirklich schon leer ist und wo es Nachschub gibt. Das ist überhaupt nicht schlimm und kann die Atmosphäre durchaus auflockern!
Beim Hauptgang mit Beilagen ist es hilfreich zu wissen, um was es sich handelt und was man sich darunter vorzustellen hat. (Filmtipp: Erbsen auf halb sechs) und dann rauszufinden, wo es sich befindet. Auch hier könnte der Nebenmann helfen und zum Beispiel wirklich sagen „Kraut auf zwölf, Senf auf drei und Wurst wäre auf sieben gewesen, wenn ich sie dir nicht bereits gestohlen hätte, Du Blindfisch“ Hier wird der Teller wie das Ziffernblatt einer Uhr gesehen und die Speisen entsprechend verortet. Falls es keinen Nebenmann gibt, ist das gut für den Wurstverzehr aber Du musst tasten und bis Du Dir nicht wirklich gemerkt hast, wo was ist wird jeder Happen eine Überraschung und manchmal wird die Gabel auch leer sein, weil Dir unterwegs alles runtergefallen ist oder Du einfach ins Leere gegriffen hast. Also iss um Himmels Willen so viel wie möglich mit der Hand und berufe Dich auf die große Serviette. Bevorzuge, Salat aus einem Schälchen zu essen. Salatblätter sind heimtückisch und verteilen sich schnell über das gesamte Areal. Nach einer Weile sind sie nicht mehr knackig und lassen sich nicht mehr mit einer Gabel aufspießen. Hier helfen Geduld und ein Löffel.
Der Nachtisch ist etwas ganz Spezielles. Du willst möglichst viel davon, weil Du keinen Nachschub mehr gekriegt hast oder weil Dir Dein Nachbar wirklich die Wurst weggefressen hat. Spiele die Blindenkarte aus! Mache auf Deine Benachteiligung aufmerksam um heische um Mitleid. Das kann man bei so wichtigen Dingen wie Nachtisch durchaus! Außerdem sind Nachtischhersteller in der Regel weiblich und haben Wurstdieben gegenüber null Toleranz. Erpresse Deinen Nachbarn!
... beim Trinken
Den Füllstand eines Gefäßes kann man hören. Je höher die Frequenz beim Einschenken - also der Ton auf der Tonleiter - desto voller ist das Gefäß.
Den Finger reinhalten um den Füllstand zu ertasten kann man zur Not und wenn man sich die Hände gewaschen hat bei seinem eigenen Getränk auch, bevor es überläuft.
Zählen. Man kann seine ganz persönlichen Messungen vornehmen. Ich habe das bei Longdrinks perfektioniert – in der Zeit in der ich bis vier zähle, fülle ich mit einem Ausgießer 4cl Schnaps in ein Glas. Bei Flüssigkeiten anderer Viskosität muss man das natürlich anpassen. Auf diese Weise bin ich einem Normal sehenden im Dunkeln sogar überlegen! Die verlassen sich nur auf ihre Augen und wenn das grad nicht geht, sind sie aufgeschmissen. Merke Dir auch zum Beispiel nicht den Bräunegrad Deines Kaffees sondern, wie lange Du Milch zu geben musst, damit er Dir schmeckt. Die Fähigkeit, Farbnuancen zu unterscheiden wird Dir möglicherweise sowieso abhandenkommen.
Sonstige Hilfsmittel
Die Taschenlampe
… ist sehr praktisch, wenn man etwas mit den Händen machen muss. Nähen zum Beispiel. Oder auch etwas lesen. Zum Laufen allerdings komme ich immer mehr davon ab, denn das kann fürchterlich schief gehen. Zum einen verdirbt sie die Sicht der Weggefährten und zum anderen sieht man nur diesen einen kleinen Lichtkegel und nichts was sich außerhalb befindet. Man konzentriert sich aufs Sehen. Aber Hand aufs Herz – das ist zu wenig! Die Sinne sind ohne Taschenlampen wesentlich geschärfter. Tasten und Hören bringen Dich viel sicherer ans Ziel als es die beste Taschenlampe dieser Welt könnte. Besinne Dich darauf, was Du kannst. Nicht darauf, was Du nicht mehr so gut kannst. Das macht auch was mit Deinem Ego… Trotzdem – safety first – ich gehe niemals ohne sie inklusive Ersatzbatterien aus dem Haus. Wichtig ist, dass sie handlich ist und über verschiedene Einstellungen der Leuchtkraft verfügt. Du hast definitiv das Recht auf ein Profigerät! Es bereitet Dir Freude und außerdem wirst Du als zuverlässiger Taschenlampenbesitzer bekannt und kannst auch mal einem anderen aushelfen.
Der Langstock
Die Rede ist von einem ausklappbaren Werkzeug mit einer Kugel untendran. Man kennt es. Und man hat schon richtig Blinde damit herumlaufen sehen bzw. hören. Dieses Klack, klack. Ich muss zugeben, das ist das Einzige, was ich davon weiß. Vielleicht hätte mir so ein Ding auch schon helfen können bei Dunkelheit – aber ich habe mich noch nicht getraut! Richtig oder falsch – kann ich nicht sagen. Wenn ich mich mal damit auseinandersetze lasse ich es euch wissen!
Meine Bedenken: So ein Gerät warnt einen nur vor Hindernisse am Boden. Also dem, wovor mich meine Zehenspitzen schon warnen. Nicht aber vor Gefahren weiter oben. Wer schon mal gegen eine Schranke gelaufen ist, weiß wovon ich rede… Und man hat nur eine Hand frei, um alles andere zu ertasten. Außerdem hätte ich das Gefühl, stigmatisiert zu sein. Ich glaube, noch bin ich nicht blind genug dafür.
Funfact: Ich war mal als Hexe verkleidet auf einer Party. Zu meiner Ausrüstung gehörte also unser uralter, unglaublich dreckiger WG – Besen. (Der war wichtig, denn einen Staubsauger besaßen wir nicht). Der Ort des Geschehens war hoch über der Stadt auf einem Hügel und für den Heimweg musste man einen ziemlich steilen, holprigen Trampelpfad nach unten klettern. Mein stark angetrunkenes Ich drehte also den Besen um und nutzte ihn als Langstock. Das klappte ganz hervorragend! Und so landete der Besen wieder an seinem Bestimmungsort und kehrt wahrscheinlich noch heute dort. Auch, wenn wir es nicht hoffen wollen.
Die Brille
Ich habe eine Kantenfilterbrille verschrieben bekommen. Weil ich aber noch nicht bereit dafür bin, wie Hotte Schnürschuh mit Fenstern an den Brillenbügeln herumzulaufen, muss es eine herkömmliche Sonnenbrille tun. Sie hat spezielle Gläser, die blaues Licht herausfiltern und ist natürlich meiner Sehschärfe angepasst. Ich liebe sie!!! Seit ich ernsthaft begonnen habe, sie zu tragen ist mir bewusst geworden, wie blendempfindlich ich tatsächlich bin (sehr.) und bin deshalb viel weniger angestrengt von allem. Außerdem werden die Kontraste etwas verstärkt, was auch kein Schaden ist. Eine wirklich gute Sache!
Lass es sein!
Was Du auf gar keinen Fall tun solltest, wenn Du nichts mehr oder zu wenig siehst:
Etwas zerbrechliches oder Spitzes tragen.
Du bist damit eine Gefahr für Deine Mitmenschen und für Dich selbst. Sei so schlau und trage - wenn überhaupt nur weiche, unzerstörbare Sachen und packe alles andere in einen Rucksack oder übergib es jemand kompetentem. Auch spitze Gegenstände in Deiner Hosentasche sind gefährlich – Du könntest Dich damit ernsthaft verletzen, wenn Du gegen etwas stößt.
Das gilt auch für Dein Getränk im Club. Bevorzuge Pappbecher und lass diesen, wenn möglich von einer Person Deines Vertrauens tragen (keinem Fremden!!!). Wenn Du eine Flasche hast, trage sie seitlich auf Hüfthöhe. Ja – und ich kanns nicht oft genug sagen – vor allem Du kriegst nicht mit, wenn Dir jemand mit bösen Absichten etwas ins Getränk gibt… und Du bist noch viel angreifbarer als andere, weil hilfebedürftig. Ein guter Beobachter kriegt das schnell raus. Also sei auf der Hut.
Ohne Sonnenbrille das Haus verlassen
Geblendet werden ist schlecht für die Augen. Ich habe gar nicht gewusst, wie blendempfindlich ich wirklich bin, bis ich darauf geachtet habe. Vielleicht hätte ich einiges aufhalten können, wenn ich das gewusst hätte.
Den Mut verlieren
Es geht darum, dass Du und Deine Mitmenschen in Sicherheit sind. Aber alles, was darüber hinausgeht, kannst Du ausprobieren und lernen. Blind eine Zwiebel würfeln zum Beispiel. Das geht! Verlass Dich einfach immer weniger auf Deine Augen und immer mehr auf deine anderen, wunderbaren Sinne.